Zurück in die Fremde

posted in: Exilforschung, Soziologie | 0

Zurück in die Fremde

Der Historiker Helmut Hirsch war aus Düsseldorf ins WDR-Studio nach Münster/ Westfalen gekommen, um über das Exil zu berichten[1] „Man darf die Emigration und ihre Schicksale nicht zu tragisch anschauen”, warnte er vor einem Blick zurück in Trauer. Allzu große Betroffenheit könne der verspäteten Rezeption des Exils aus der nationalsozialistischen Diktatur nur schaden, die sich Ende der 1970er Jahre abzuzeichnen schien. Auch die Remigration rückte dabei ins Blickfeld. Warum hat es so lange gedauert, bis – zuerst, wenn auch nur selektiv von der Studentenbewegung – das Exil einige Aufmerksamkeit fand? Im SED-Staat war nur willkommen, wer ins ideologische Raster passte. Aus welchem Grund aber griff in Bonn eine ‚Remigrantenneurose’ um sich? Zur Rückkehr wurden die Flüchtlinge nicht aufgefordert. Zunächst war man hierzulande mit dem Überleben, dann mit der Verdrängung beschäftigt, wenn man nicht gleich, wie an den Universitäten, lieber unter sich zu bleiben wünschte.

Auch Hirsch hat unter dieser Verstocktheit gelitten. „Ich bin, sobald es ging, nach Deutschland zurückgegangen, weil wir uns immer als Deutsche empfunden haben, und das nicht ein Krieg war gegen Deutschland, sondern gegen den Nationalsozialismus, gegen die Feinde unseres Ideals.” Dennoch, die Rückkehr erwies sich als schwerer Weg, ein beruflicher Wirkungskreis blieb ihm verlegt. Seine historiographische Produktivität vermochte nichts gegen die Initiationsroutine der Hochschulen.

Das verleugnete Exil

Bremen, am 18. September 1980. An diesem Donnerstag wurde an der Weser eine Jahrestagung des PEN-Zentrums eröffnet. Ihr Thema: Die Literatur des Exils. An der dreitägigen Zusammenkunft nahmen rund 130 Schriftsteller teil, sie trugen aus ihren Werken vor, eine Exil-Ausstellung war zu besichtigen, überdies gab es Expertengespräche zuhauf. Zum Abschluss sprach Willy Brandt, der selbst die Braunjahre im Exil überdauert hatte. Diese Veranstaltung belegt eine kurze Blüte des öffentlichen Interesses für das ‚Andere Deutschland’ in der Fremde. Auch der Düsseldorfer Privatge­lehrte Hirsch las bei dieser Gelegenheit Passagen aus einem unveröffentlichten Manuskript.

Witzig und pointiert beschäftigen sie sich mit den Gefährdungen für einen nach Kriegsausbruch internierten ‚ressortissant d’Allemagne’ mitten im Heimatland der Aufklärung und ihrer altehrwürdigen, seinerzeit reichlich verschlissen wirkenden Idee von Menschenrechten für jedermann. „Es erschien den Franzosen leichter“, heißt es im Rückblick auf das Jahr 1940, „die ersten Opfer ihrer hochgerüsteten Feinde als diese selbst hinter Stacheldraht zu bringen“.

Aber auch die Engländer benahmen sich rüde. An sie war Hirsch nach sechsmonatiger Lagerhaft als ‚prestataire’ von den Franzosen ausgeliehen worden. Als die Reste des britischen Expeditionskorps überstürzt eingeschifft werden mussten, wurde er auf dem Weg zum Hafen mit vorgehaltener Maschinenpistole vom Lastwagen geholt. Dennoch, nach vielen Mühen und Gefährdungen erreichte er mit einem Notvisum im Sommer 1941 New York.

Das Wohl und Wehe seiner Flucht, die zugleich ein Massengeschick skizzierte, war ein beeindruckendes Zeitdokument, das mit Spannung verfolgt wurde. Eine Fortsetzung ließ indes auf sich warten. Erst mehr als ein Jahrzehnt später konnte Hirsch zentrale Etappen seiner Exil-Erfahrungen als Buch veröf­fentlichen[2], mit einem Geleitwort von Lew Kope­lew.

Die Seiten haben nicht die Aufmerksamkeit gefunden, die sie verdienen. Und das liegt kaum daran, dass die Autorenangabe auf dem Buchdeckel vergessen worden ist. Oder dass der Untertitel etwas hausbacken klingt und zudem die dramatische Flucht aus Eu­ropa auslässt. Das Desinteresse damals spiegelt eher den Zeitgeist. Den 1990er Jahren traten die Optionen der jüngeren deutschen Geschichte aus dem Blick. Wiedervereinigung und Stasi-Unappetitlichkeiten ohne Ende schienen alle Aufarbeitungsenergien aufzuzehren. Auch das Exil wirkte thematisch wiederum randständig, eine Sache für Experten, obwohl es zu den wenigen Habenseiten der jüngeren deutschen Vergangenheit zu zählen sein dürfte, nach 1989 mehr denn je.

Success abroad

Diese Marginalisierung ist bedauerlich, auch deswegen, weil die Erinnerungen von Hirsch nicht nur ausgesprochen lesbar sind. Sie bieten zudem Nachrichten aus jenem über die Welt verstreuten ‚Deutschland auf der Flucht’, die immer von Interesse bleiben. Das hat nicht zuletzt mit Herkunft und Werdegang des Verfassers zu tun. Geboren 1907 in Barmen als Sohn eines späteren Stadtverordneten der SPD, studiert Hirsch, nach einer kaufmännischen Lehre, in Berlin und Leipzig Geschichte und Zeitungswissenschaft. Nach der Verhaftung seines Vaters 1933 flieht er  –  kurz vor Abschluss seines Promotionsverfahrens  –  über die Saar nach Paris. Im Umkreis von Siegfried Thalheimer journalistisch tätig, engagiert er sich im Lutetia-Ausschuss für eine deutsche Exil-Volksfront, aus der nicht zuletzt wegen des arroganten Machtgebarens der Stalinisten nichts wurde.

In Chicago beginnt er erneut ein Studium der Geschichte und graduiert mit ei­ner Arbeit über die Saarfrage (The History of the Saar Territory, 1945). Durch Vermittlung von Siegfried Marck kann er eine Lehrtätigkeit beginnen, gehört zu den Mitbegründern der Roosevelt-University, an der er europäische Geschichte lehrt. Erst 1961 kehrt er endgültig nach Deutschland zurück, unterrichtet an der Wirtschaftsakademie in Düsseldorf und ist ab 1972 Honorarprofessor der Gesamthochschule Duisburg. Vielfach geehrt, Verfasser von Longsellern über August Bebel oder Rosa Luxemburg, zählt Hirsch zu den eher seltenen Publizisten, deren Werk sich nachhaltig mit Fassetten einer aufklärerisch-sozialkritischen Tradition befasst, die nach der ‚Stunde Null’ –  unfairerweise – zugleich mit den braunen Fürchterlichkeiten einem Verdrängungsprozess anheim gefallen war.

Soweit zur „Ballade des äußeren Lebens“ (Hofmannsthal) von Hirsch, der 2009 In Düsseldorf gestorben ist. Welche Beschädigungen die erzwungene Flucht mit sich brachte, aber auch welche Weiterung des Blickes, das ist dem Buch gleichfalls zu entnehmen. Bei aller Dankbarkeit für seine zweite Heimat in den USA kehrt Hirsch nach Deutschland zurück. Wie bei so vielen seiner Leidensgenossen, man denke an Hans Sahl[3], die am Ende Amerika den Rücken kehrten, waren auch in seinem Fall Rassismus, Kriminalität respektive politische Indolenz jenseits des großen Teiches ausschlaggebend für die Remigration.

Rückkehr

Das „neue Deutschland war eine komplizierte Angelegenheit“, heißt es mit Blick auf seinen ersten Besuch im Jahr 1951. Alle hatten mit sich selbst zu tun und keiner war Nazi gewesen. Entsprechend fiel der Umgang mit den Remigranten aus. Sie, die Opfer, die Geretteten, wurden geschmäht, sich davon gemacht zu haben, falls man ihnen nicht Schlimmeres vorhielt. Auch die  Wiedergutmachung  –  immerhin – für die Zerstörung von Lebenschancen durch Ver­folgung und Flucht fiel eher kläglich aus.

Hirsch berichtet über seinen Bescheid aus dem Jahr 1957. Unter dem Titel „Schaden an Vermögen durch Zahlung von Auswanderungskosten“  –  als habe es sich um einen freiwilligen Akt  gehandelt  –   teilt der Düsseldorfer Regierungspräsident mit, ihm stünden als Ausgleichszahlung DM 29, 28 zu, der Gegenwert einer Fahrkarte 2. Klasse von Wuppertal nach Paris. Kosten hingegen, die aus der Weiterflucht in die USA nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht entstanden seien, könnten nicht geltend gemacht werden. Denn, so die Behörde, „bis zum Einmarsch der deutschen Truppen im Jahr 1940 hat er rund sieben Jahre Zeit gehabt zu einer Weiterwanderung in die USA“.

Weiter-Wanderung. Das klingt mit Blick auf die Fluchtumstände zynisch. Man denkt an eine Lust­fahrt, aus freiem Willen, hinaus in die weite Welt. Als habe es die Flüchtlinge gedrängt, aus Europa in die Staaten zu reisen. Keine Rede von Zwang, Lebensgefahr und Scheitern bei dem Versuch, sich vor den Nachstellungen der „braunen Mafia“ (Hirsch) in Sicherheit zu bringen und überdies in einem fremdsprachlichen Kulturraum seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

Im Rückblick überwiegt auch bei Hirsch jene leise Resignation, die bei Remigranten durchweg anzutreffen ist, und diese bezieht sich keineswegs nur auf Beschädigungen der Biographie, sondern auf politische Entwicklungstendenzen. „Es wird auch mit an uns Rückwanderern gelegen haben”, so Hirsch im November 1981, „dass wir nicht erfolgreicher gewesen sind … Man hatte ja auch vieles gelernt, war ja in manchem überlegen, man kannte andere Sprachen, andere Kulturen, man war eine Gefahr für den Kollegen, ein Konkurrent. Nachdem man solange gewartet hatte – bei mir war es ein Vierteljahrhundert -, hat man natürlich nicht gern wieder ganz von vorn anfangen müssen. Als ich dann endlich eine Professur angeboten bekam, da hat der sozialdemokratische Kultusminister des Landes gesagt: ‚Ja, dann müssen wir ja mehr in den Pensionsfonds zahlen, als der an Salär bekommt’.”

Vergeblich?

So unfair diese Behandlung war, sie sieht sich unlarmoyant geschildert. Wir erfahren, dass Hirsch sich gegen Kriegsende intensiv bemühte, Hilfe für das zerstörte Heimatland zu organisieren. Was keineswegs opportun, sondern verpönt war. Unter Exilanten führte die Deutschenfresserei à la Emil Ludwig das Wort. Auch Thomas Mann war nicht dafür zu gewinnen, die nach Kriegsende fortwährende Post- und Paketsperre für Deutsche zu kritisieren. Bei einer Zuweisung von 1150 Kalorien pro Tag, die keineswegs überall erreicht wurde, äußerte der Großschriftsteller die Befürchtung, das deutsche „Elend, besonders die Hungersnot, werde stark übertrieben“.

Der Autor wechselt die Erzählebenen, Persönliches mischt sich mit Epochalem. Das eine macht das andere oft erst verständlich. Die eigene Biografie gehört uns ohnedies immer nur zum Teil, selbst wenn der Verfasser betont, er habe sich seinen Lebenslauf nicht diktieren lassen von den Verfolgern, weder physisch noch geistig.

Die vielen Blickwechsel beleben den Text, spannend sind zudem seine Zusammenkünfte mit Zeitgenossen. Genannt seien nur Karl Korsch, Hellmut von Gerlach, Heinrich Mann, Hans Sahl, Paul Frölich oder Stefan Heym. Sie alle waren befangen in Umstände, die eine Normalbiografie verbogen. Aus der Bahn geworfen, wurde ihnen das Exil zur Existenzfrage, aber auch zur Herausforderung, die zu einer „Entprovinzialisierung“ der Befindlichkeit führen konnte, wie Adorno gemeint hat. Das war allerdings ein Ergebnis mit Schattenseiten, denn nicht zuletzt der fehlende Stallgeruch war es ja, der den ehemaligen ‚Volksfeinden’ die Eingliederung dann erschwert hatte.

Einmal Exilant, immer Exilant! Dieses Stigma mutet zwar modern an, weil es globale Vernetzungen spiegelt. Unser Bewusstsein jedoch entspricht dieser Entwicklung längst noch nicht. Wir sind nach wie vor Bürger dieser oder jener Region, und wer daraus vertrieben wird, leidet darunter ein Leben lang.



[1] Das Interview vom 23. 11. 1981, in Teilen vom WDR (3. Programm, Meinung über Bücher, vom 25. 8. 1995) ausgestrahlt, befindet sich im Tonarchiv des Verfassers.

[2] Onkel Sams Hütte. Autobiographisches Garn eines Asylanten in den USA, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 1994.

 

[3] Wobei Sahl vom naiven Anti-Antikommunismus der bundesrepublikanischen Intellektuellen – Beispiel  Walter Jens – derart befremdet war, dass er mehrmals re-emigrierte, ehe er 1989 endgültig nach Tübingen zurückkehrte, immer noch entsetzt über die hiesige politische Naivität vis à vis totalitärer Regime, vgl. S. Papcke: Interview mit und Bericht über Sahl/ Das Exil im Exil, WDR 3 (Am Abend vorgestellt), gesendet am 18. 8. 1992. Diese Haltung hatte mit Auseinandersetzungen in der Emigration selbst zu tun, in der die Linke alle anderen Positionen verfolgte. Für Sahl war selbst ein – später eher linksliberal argumentierender – Autor wie Adolf Löwe noch im Rückblick auf die politische Verfolgungsgeschichte im Exil derart negativ besetzt, dass er sich weigerte, ein Vorwort für einen Sammelband zu verfassen, in dem Löwe positiv gewürdigt wurde.